Nachkriegsleben

 

Ein verletzter kleiner Junge in einem viel zu grossen Hemd, in einer viel zu grossen Jacke, in einem viel zu grossen Körper. 

Ein verletzter kleiner Junge, der nicht weiss, wie er reagieren soll, der nicht weiss, was die Welt von ihm will, der nicht weiss, wie umgehen mit dem Schmerz. Der anderen weh tut, damit es ihm weniger weh tut. Der vielleicht nicht einmal weiss, dass der Schmerz da ist - schon so ganz lange. Der seit einiger Zeit Symptome spürt aber nicht ahnt, dass der Körper nur ausdrückt, was die Seele nicht kann. Der sich fragt, warum die Welt gegen ihn ist und warum nur ihm so etwas passiert. Der jetzt gerne noch seine Mama bei sich wüsste, eine Mama, die seinen Schmerz versteht und ihn liebevoll in den Arm nimmt und pustet, bis es wieder gut ist. Eine Mama, die ihm tröstend über den Kopf streicht, ihn auf ihrem Schoss wiegt und ihm dann einen Pudding kocht. Eine Mama, die da ist, eine Mama, die versteht, eine Mama, die genau das gibt, was dem kleinen Jungen gerade so schmerzlich fehlt. Eine Mama, die selber Mama sein darf und sich nicht um die Trümmer ihres Landes, die Relikte eines Krieges kümmern muss. Eine Mama, die nicht alleine für viele Kinder sorgen und das Land wieder aufbauen muss, während der Papa sich im Krankenhaus von den Kriegswunden versucht zu erholen. 

Eine Mama, die nicht im Laufe des Krieges selbst ein bisschen von ihrer Herzlichkeit und Wärme, ihrer Mütterlichkeit und Liebe verloren hat. Eine Mama, der es schwer fällt, liebevoll zu sein, wenn sich ihr Herz in tiefsten Qualen und Schmerz krümmt. 

Eine Mama, die nicht selbst ein kleines verletztes Kind in sich trägt. Und einen Papa, der nicht selbst ein tiefverwundeter Junge ist, der von Mächtigeren zu einem Kriegsspiel gezwungen wurde, in dem er nur verlieren konnte. Ein Papa, der sich um nicht verrückt zu werden, während er Menschen umbringen muss und jede Sekunde selbst sein Leben geben könnte, von jeglichen Emotionen distanziert hat, bis sein Herz so hart und kalt wurde, dass es nur noch selten berührt werden kann. Ein Papa, der zu vieles erlebt hat, als was man in einem Leben erleben sollte, und der selbst niemanden hat, der ihm sagt, wie er damit umgehen kann. Ein Papa, der selbst nur mal in den Arm genommen und gewiegt werden möchte, während ihm liebevoll ins Ohr geflüstert wird, dass alles gut ist. Ein Papa, der viel zu schnell erwachsen werden musste und der auch jetzt nicht mehr weiss, ob er noch Kind oder schon Greis ist, ob er besser tot wäre als langsam an den inneren Qualen zu verenden. 

Eine Mama, die gern ihren Mann zurück hätte, so liebevoll und lebenslustig, wie er ihr vor wenigen Jahren genommen wurde. Eine Mama, die den Papa zwar noch erkennt, aber sich fragt, wer dieser Mann ist, der da wieder in ihr Leben einziehen möchte. Eine Mama und ein Papa, die sich so viel zu sagen hätten, so viel zu fragen hätten, so viele Jahre aufzuholen hätten, aber deren Münder schweigen. Eine Mama und ein Papa, die nicht wissen, wie man über das Unaussprechliche spricht. Eine Mama, die vielleicht doch nicht wissen will, wie viele Menschen durch ihren Mann ums Leben kamen. Und ein Papa, der vielleicht gar nicht daran erinnert werden will, wie viele Male er den Abzug ziehen musste und Leiber wie Puppen leblos zu Boden fielen. Ein Papa, der jede Nacht von unzähligen Augen und Körpern in den Schlaf verfolgt wird, während eine Mama zur Morgenstunde das jüngste Kind beruhigt und zu Schlafe singt. 

Ein Papa und eine Mama, die sich im gleichen Bett noch nie so fern voneinander gefühlt haben. 

Und dazwischen eine Handvoll Kinder, die nur wissen, dass man schweigt auch wenn es weh tut. Die nur wissen, dass man schweigt, auch wenn so vieles beredet werden sollte, geteilt werden wollte. Die nur wissen, dass man still ist und nicht weint, um den Papa nicht zu verärgern. Die noch nicht wissen aber spüren, dass Stück für Stück ein bisschen Farbe aus ihrem Leben weicht, bis es irgendwann nur noch Grau und trostlos ist. Bis es sich irgendwann kaum mehr nach Leben anfühlt, sondern nur noch wehtut. Und die dann selbst diese verletzten Kinder in viel zu grossen Körpern sind und selbst Mama und Papa genannt werden von kleinen Wesen mit suchenden Augen und sehnsüchtigen Blicken. 


Dezember 2018

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